Das Sakrament der Krankensalbung

Krankheit bricht in unser Leben ein, manchmal wie ein Dieb in dunkler Nacht. Sie kommt über uns. Krankheit ist mehr als eine körperliche oder psychische Funktionsstörung. Sie betrifft und ergreift den ganzen Menschen. Sie lässt Fragen aufkommen nach dem Sinn. In dem Erleben der Entfremdung von einem selbst, von den Mitmenschen und von Gott müssen neue Antworten gefunden werden, wie denn Leben, mein Leben und das der betroffenen Angehörigen angesichts der Krankheit jetzt gelingen kann.

Denn Gott will das volle, das heile Leben. Er will, dass der kranke Mensch wieder zu sich selbst finden und in die Gemeinschaft seiner Mitmenschen zurückkehren kann.

So ist Jesus, der Arzt, auf die Kranken zugegangen. Er hat sie berührt. Dadurch hat er eine starke Verbindung hergestellt für den Kranken mit dem Leben spendenden Gott der Liebe. Jesus hat den Aposteln den Auftrag gegeben, diesen seinen Dienst weiterzuführen. In seiner Aussendungsrede gibt er die Anweisung: „Heilt Kranke!“ (Mt 10,8). So ist von den Aposteln in Mk 6,13 bezeugt: „Sie salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“

Der Jakobusbrief schließlich gibt das deutliche Versprechen: „Ist einer von euch bedrückt? Dann soll er beten. Ist einer fröhlich? Dann soll er ein Loblied singen. Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben. Darum bekennt einander eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet!“ (Jak 5,13-16)

Auf der Grundlage dieser Schriftstelle des Jakobusbriefes hat sich das Sakrament der Krankensalbung entwickelt, mit dem die Kirche den kranken Menschen aufrichten, stärken und heilen will. In ihr nimmt sie den Menschen in seiner sozialen und leib-seelischen Existenz ernst. Die Krankensalbung spricht den ganzen Menschen an: Leben ist Leben in einem Leib.

Öl ist eine uralte Medizin. Die Achtung und die tiefe Ehrfurcht vor seiner heilenden Wirkung hat es schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte in den Bereich des Göttlichen gehoben. So wurde in der frühen Kirche das Öl am Ende des eucharistischen Hochgebetes in die Höhe gehalten. Mit dem gesegneten Öl wurden dann zu Hause Kranke gesalbt.

Salböl ist sodann ein Zeichen von Würde. Der Prophet Samuel wurde durch Übergießen mit Öl zum ersten König von Israel gesalbt (1. Buch Sam 10,1). Die Krankensalbung spricht dem Kranken ausdrücklich Personwürde gerade in seiner Krankheit zu.

Der Ausdruck „letzte Ölung“ meinte nicht die letzte Salbung vor dem Sterben, sondern die letzte Salbung in der Reihe der mit Salbungen verbundenen Sakramente. Es ist kein Sterbesakrament. Das Sakrament des Sterbenden ist die Eucharistie, das „Brot des Lebens“, das dem Sterbenden als Wegzehrung für den Gang in den Tod gereicht wird.

Der Salbung geht die priesterliche Handauflegung voraus. Sie holt den Kranken, der in der Gefahr der Isolierung steht, wieder in die lebendige Gemeinschaft mit Christus und der Gemeinde zurück. Sie ist ein leib-seelisches Zeichen der Liebe. Sie schenkt Zugehörigkeit.

Die Handauflegung ist uraltes Ritual der Kraft- und Geistübertragung. So kann sie den Kranken befähigen, im Geist Jesu seine Krankheit anzunehmen und zu tragen.

Der Jakobusbrief schreibt die Heilswirkung des Sakramentes vor allem dem gläubigen Gebet zu.

Das Beten aller an der Krankheit Mitbetroffenen um die Heilung des Erkrankten bei der Feier der Krankensalbung macht das einfache Öl zu einem „Gebets-Öl“.

Im Sakrament der Krankensalbung berührt letztendlich Christus selbst den Leidenden. Er macht sich dessen Not so zu Eigen, dass er sich im Innersten von Gott angenommen weiß. Diese Liebe richtet ihn wirklich auf, stärkt und tröstet ihn in seiner Angst und Besorgnis.

Es schenkt ihm Heilung und Heil.

Hans-Jürgen Paulus, Pastoralreferent, Krankenhausseelsorger